Dekanat Bergstraße

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Raus aus dem Grau!

Als wollten die Skandinavier nach dem lange anhaltenden Grau des Winters jetzt in der Sommerzeit, im Licht der Sonne, das die Nacht auf ein paar Minuten zurückgedrängt hat, Farbe zeigen. Die gesamte Schöpfung macht es uns vor: Klare und frische Luft, tiefblauer Himmel, strahlender Sonnenschein lässt die Farben in den Wäldern, das intensive Grün der Farne und Moose erst richtig leuchten, die Flechten auf Felsen und Bäumen in Orange und Rot, die glitzernden Seen, die den heiteren Himmel widerspiegeln. Raus aus dem Grau ist hier die Maxime. Mit meiner Familie lasse ich mich davon gerne inspirieren, auch über die Sommerpause in Schweden hinaus.

Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit, sagt Paulus in seinem Brief an die Christen in Ephesus (Eph.5,8f) - Leitvers dieser Woche.

Das hat nichts mit Schwarz-Weiß-Malerei oder Schönfärberei zu tun. Aber wir brauchen dieses erhellende Licht des Glaubens, dieses Licht, das von Gott selbst ausgeht und am deutlichsten in der Person Jesu zum Leuchten kam. Im Schauen auf ihn, im Hören auf seine Worte wird die Finsternis in ihre Schranken gewiesen, Manches aus dem Grau ins rechte Licht gerückt und bekommt das Leben Farbe.

Auch wenn Grau „in“ ist, bewegt es aus sich heraus nichts! Das gilt auch für die Fragen „richtig-oder-falsch“, „gut-oder-böse“. Wenn alles in einem Einheitsgrau verschwimmt, ist eigentlich alles egal.

Vor der Sommerpause hat mich die Berichterstattung in der Presse erschüttert über ein „gräuliches“ YouTube-Video: In der chinesischen Stadt Zhumadian fährt ein Taxifahrer zu schnell, übersieht eine junge Frau. Durch die Wucht des Aufpralls bleibt sie mitten auf der belebten Straße neben einem Zebrastreifen liegen. Mehrere Dutzend Menschen laufen einfach weiter, als ob nichts geschehen wäre.

Das zusätzlich Irritierende ist, dass dieses Video für viele Chinesen mehr als die Dokumentation eines unfassbaren Einzelfalls ist, sondern der Beleg für die Verkommenheit ihrer Gesellschaft. Nach einer Umfrage aus dem Jahr 2014 sehen Chinesen den Mangel an Glaube und Moral als größtes gesellschaftliches Problem. Die Ursachen dafür lägen in der jüngsten politischen Vergangenheit des Landes, denn das kommunistische Regime habe lange Zeit traditionelle und religiöse Werte unterdrückt und eigene Interessen über alles andere gestellt (s. u. Welt.de).

Lebt als Kinder des Lichts, bedeutet eben auch: Farbe bekennen, einzustehen für das Leben, für Gerechtigkeit und Menschenwürde ungeachtet der Hautfarbe, des Geschlechts, der kulturellen Herkunft oder Religion. 

Wie segensreich, dass wir in unserem Kulturkreis dies ohne Gewaltandrohung tun können.

Wie gut, dass wir einem jungen Äthiopier Kirchenasyl gewähren können, damit die ihm drohende Abschiebung zurück in die katastrophalen Verhältnisse der Flüchtlingsauffanglager Italiens nochmals geprüft wird.

Wie wunderbar, dass der Seniorenkreis unserer Kirchengemeinde sich zum geselligen Kaffeetrinken trifft und wie selbstverständlich dem jungen Mann aus Äthiopien Kaffee und Kuchen bringt.

Wie fragwürdig, wenn Menschen nach Werten in unserer Gesellschaft rufen und sich zugleich entsolidarisieren, etwa von den Kirchen. Wie gut, dass erkennbar weniger Menschen dies tun, sondern stattdessen bewusst Mitglied der Kirche bleiben, wie die neuste Statistik belegt.

Und wie schön, dass in den vergangenen vier Wochen sich allein im Gemeindebüro der Ev. Kirchengemeinde Lorsch vier Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebenssituationen mit dem Wunsch gemeldet haben, wieder oder auch ganz neu Mitglied unserer Ev. Kirche zu werden.

Raus aus dem Grau und Farbe zeigen! - Oder wie Paulus es einige Verse weiter in seinem Brief sagt: Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten (Eph.5,14).

Renatus Keller,
Pfarrer der Ev. Kirchengemeinde Lorsch

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